Prosa

 

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Caspar David Friedrich. Der Wanderer über dem Nebelmeer

 

DAS BILD

I
Ich weiss nicht, was zuerst war – der Traum oder das Bild. Ob ich von diesem Ort träumte, weil ich davon das Bild gemalt hatte, oder malte ich das Bild, weil der Ort in meinen Träumen ständig präsent war? Aber wenn das Bild zuerst gewesen wäre, woher kommt dann diese Vision?
Seitdem ich denken kann, träume ich immer wieder denselben Traum. Ich spüre das Gras unter meinen Füssen, atme die salzige Meeresluft ein, höre die Windmühle. Je öfter ich davon träume, desto überzeugender wird das Gefühl, dass ich dort tatsächlich gewesen war. Dass der Ort wirklich existiert.
Es kann durchaus sein, dass ich mit meinem Vater an einem Ort wie diesem spazieren ging und der mich so tief beeindruckt hatte, dass es auf meiner Netzhaut einen permanenten Abdruck hinterlassen hatte, wie ein Tattoo. Nur war ich zu klein und erinnere mich an diesen Ausflug nicht mehr …
Als ich aufwache, bin ich immer noch im Traum gefangen. Ich liege wach im Bett, während mein Bruder noch neben an schläft, und schwelge in meiner Sehnsucht. Ich will dort sein und mit der Hand über das Gras streichen können. Ich will das Gefühl und das Bild festhalten.
Ich bin kein Maler, aber was bleibt mir anderes übrig? Ein Foto von dem Traum kann ich nicht machen. Ich setze mich ans Fenster und male. Zuerst die groben Umrisse. Den weissen Sandsteinfels mit den gelben, verfilzten Gräsern darauf. Weit weg steht eine alte, schwarze Windmühle. Sie stöhnt, wenn der Wind ihre alte Flügel in Bewegung setzt. Die Wolken, die See, der Horizont. Ich kann nicht alles auf ein Bild packen. Die Geräusche nicht und das Panorama nicht. Von einer Seite ist das Meer. Von der anderen – die Landschaft mit der Windmühle. Zuerst male ich die eine, dann die andere Seite. Aber ich kann kein Meer darstellen, also lasse ich das. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Dann male ich die Klippe und die Mühle. Mit viel Weiss – es schafft die Atmosphäre. Der lange Schatten der Windmühle mit den Flügeln sieht wie der Totenkopf mit gekreuzten Knochen aus. Das Meer deute ich nur an. Ich erinnere mich daran, dieses Bild schon Mal gemalt zu haben. Schon als Kind. Ich weiss nicht wo das ist.

II
Dann finde ich den Ort! Zuerst bleibt mir der Atem weg. Ich stehe genau dort, wo ich im Traum stehe und sehe mein Bild. Nur besser gemaltes. Alles ist genau an seinem Platz. Die Klippe, die Windmühle, das alte Gras, die Geräusche, der Wind, das Meer. Genau so minimalistisch, aber real und von einer starken Energie durchgezogen.
Mein Ort!
Vielleicht träume ich?
Seitdem ich den Ort gefunden habe, kann ich die Realität vom Traum nur schwer unterscheiden. Einer ist das Spiegelbild des Anderen. Die beiden sind so verflochten, dass ich nicht mehr weiss, wo eines anfängt und wo das andere endet. Bin ich auf der Klippe eingeschlafen und träume vom Aufwachen in meinem Bett, oder schlafe ich in meinem Zimmer und träume von dem Ort? Manchmal ist das beängstigend. Darüber habe ich noch nie mit niemanden geredet. Ich habe nachgelesen, dass es nicht immer so sein wird, es sei nur eine Phase, sie wird vorübergehen.

Ich bin wieder am Rand der Klippe. Vor mir liegt die unendliche Weite des Meeres. Der Nebel ballt sich über die Wasseroberfläche in runde Formen.
Wenn ich da stehe, fühle ich mich wie der Wanderer vom Bild von Caspar David Friedrich. Ich stehe genauso wie er an dem Klippenrand über dem Nebelmeer, nur die Landschaft ist eine andere.
Der Nebel verdichtet sich, und erst dann, wenn die Sonne aufgeht und ihn mit den ersten rosafarbenen Strahlen durchleuchtet, wird er flacher. Ich beobachte die Verwandlung und kann nur schwer sagen, ob der Nebel zu Wasser oder zu Wolken wird. Er scheint sich aufzulösen ohne zu verraten zu wem er sich hingezogen fühlt.
Ich wache auf. Es ist genauso wie gestern, als ich dort war. Ich habe ein Foto mit dem Handy geschossen. Im Traum tue ich es nicht. Aber das Foto überträgt nicht die Atmosphäre. Es ist alles so klein und flach auf dem Bild, begrenzt mit einem Rahmen und gibt mein Gefühl nicht wider. Es ist so getrennt von mir …

III
Es sind immer die zwei Tageszeiten, wann ich hierhin komme, wenn die Szenerie mit Magie durchflutet ist. Morgens bei Sonnenaufgang und Abends beim Untergang. Manchmal im Sommer komme ich abends und warte bis zum Morgengrau. Die Nächte sind kurz und die Zeit verfliegt.

Heute Abend sieht das Meer dramatisch aus. Der Wind ist stark. Die Wellen schlagen wuchtig gegen die Felsen, als ob sie sie stürmen wollen. Die Mühle stöhnt und klagt.
Die dunkle Wolken bilden furchterregende, geheimnisvolle Figuren. Monströse Geschöpfe entstehen und lösen sich auf. Sie verändern die Farben und Formen. Sie leben. Ich bin so fasziniert von ihrer fliessenden Bewegung, stehe hypnotisiert da und kann die Augen nicht abwenden. Gleich wird ein Strudel entstehen, eine Spirale, so ähnlich wie die Milchstrasse und wird mich hineinziehen. Ich tauche in das Geschehen ein und warte auf meinen grossen Moment.
Ein verirrter Albatros kreist schreiend tief über das Wasser, als ob er den Gott des Meeres herausfordern will. Er surft zwischen den Windstössen wie ein Kite, wird hin- und hergerissen. Manchmal bleibt er in der Luft schweben, bewegt seine Flügel nicht.
Ich beobachte den mutigen Vogel und der Anblick scheint mir beinahe symbolisch zu sein. Von den Lebewesen gibt es jetzt nur ihn und mich. Mitten in einer Fantasie. Er dreht seinen Kopf zur Seite und beobachtet mich mit einem Auge. Als ob er zu mir sprechen würde.
“Flieg!“ ruft er. „Flieg! Du kannst es auch.“
Der Himmel füllt sich mit schimmernden Farben. Er leuchtet. Ich leuchte auch auf. Wir alle bestehen aus derselben Substanz. Wir alle sind verbunden. Für immer und ewig.
Ich schaue dem Albatros zu und mir wird klar, dass seitdem ich lebe, beneide ich diese Vögel für ihre Freiheit. Die Sehnsucht zieht mich mit.
Und was steht mir im Wege, wenn es sowieso nur ein Traum ist?
“Flieg!“ ruft er. „Flieg!“
Ich breite meine Arme aus, mache einen Schritt und fliege.
Ich wache nicht mehr auf.

©Sasha Kisselkova, 2016

 

 

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Hinweis

 

Dies ist eine wahre Geschichte. Einige Ereignisse fanden allerdings noch nicht statt. Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder fiktiven Personen sind beabsichtigt.

SCHALL UND RAUCH

 

Heute Abend, als ich nach der ersten öffentlichen Präsentation meines Romans die Bücher signierte, sah ich unter Besuchern diesen Mann. Er stellte sich in die Reihe und lächelte mich an, als er sah, dass ich ihn gesehen und erkannt hatte. Ich kann kaum beschreiben, mit welcher Freude ich erfüllt war, ihn, von dem ich nicht mal den wirklichen Namen wusste, dort zu sehen, vielleicht hatte er sogar einen langen Weg hierhin machen müssen. Seine Anwesenheit hatte für mich eine grosse Bedeutung – er war derjenige, dem ich die Existenz dieses Buchs zu verdanken hatte.

 

Es war fast ein Jahr her. Um der winterlichen Kälte und der Dunkelheit zu entkommen und meinen Roman zu vollenden, zog ich mich ab Mitte November auf eine kleine einsame Insel im Andamanensee zurück. Es gab dort ein einziges Hotel, das zu der Zeit nur halb voll war. Die Hotelanlage bestand aus kleinen Bungalows mit Palmdächern im Thai Stil, die auf dem Hotelgelände verteilt und durch Gänge zwischen den Grasflächen mit einander verbunden waren. Man hatte Menschen um sich herum und gleichzeitig genug Privatsphäre. Im Hauptgebäude befand sich das Restaurant, die Bar und ein kleines Fitnessstudio mit einem Spa und einem Massageraum. Das Personal war freundlich und zuvorkommend, das Essen frisch zubereitet und köstlich. Ausser mir waren dort einige Taucher, die das schöne Korallenriff bewunderten und den Standort einer der wenigen Seekühe beobachteten; und Kitesurfer, für die das warme Wasser, Sonne und Wind diesen Urlaubsort zum Surferparadies machten. Ich lebte an diesem Ort schon seit fünf Wochen, gefühlte zwei Monate, schrieb, sonnte mich, ging ins Wasser und joggte früh morgens lange Strecken am Strand entlang. Ich ging zum Lunch und Abendessen ins Restaurant wenn ich Hunger hatte, mein Zimmer wurde gepflegt und ich musste mich um nichts kümmern. Ein paar Mal luden mich die Taucher ein, mit ihnen ins Meer zu gehen, allerdings konnte ich die Leidenschaft am Tauchen mit ihnen nicht teilen, ich schnorchelte nur ab und zu am Korallenriff entlang und liess mich von den Wellen schaukeln.

Wie an jedem Ort, wo Menschen eine Zeitlang auf begrenztem Raum miteinander wohnen, beobachtet man sich, begrüsst einander im Restaurant oder am Strand und lernt sich ein wenig kennen. Die meisten kamen für eine bis drei Wochen hin, surften, tauchten und reisten ab, um nächstes Jahr wiederzukommen. Fast alle von ihnen waren schon öfter dort.

Das Hotelpersonal organisierte eine kleine Weihnachtsfeier, die recht familiär war, und eine grössere Feier zum Jahreswechsel. Die Gäste sassen an den feierlich dekorierten Tischen im bunten Licht der blinkenden Lichterketten und redeten entweder über das Verhalten der Fische und Wasserschildkröten, über Delfine und die Seekuh mit einem süssen, als sei es von einem Kind gestalteten Gesicht, oder über die Wellen und Orte, welche am besten zum Surfen geeignet waren. Und natürlich über Equipment: beste Taucherausrüstung, Unterwasserkameras für einen guten Preis, Surfbretter, Kites und Neoprenanzüge.

Und genau an dem Tag, am einunddreissigsten Dezember, kam dieser seltsame Gast ins Hotel. Ich sah ihn zum ersten Mal im Restaurant bei der Silvesterfeier. Er sass etwas abseits von den anderen und redete mit keinem. Vielleicht weil er erst heute angekommen war und noch niemanden kannte. Er war höflich zum Personal, das ihn so begrüsste, als sei er dort schon bekannt gewesen.

Ich beobachtete ihn heimlich. Er sah Billy Bob Thornton in seiner Rolle als Lorne Malvo, dem Killer aus der Serie ‚Fargo’ verblüffend ähnlich. Nicht nur äusserlich, sondern auch in seinem Verhalten – distanziert, cool, höflich und irgendwie … unheimlich … wie ein dunkler Magier. Er strömte Macht aus. Nach dem relativ kurzen, leichten Abendessen bedankte er sich und verliess unauffällig das Restaurant, bevor die Uhr zwölf schlug. Nach Mitternacht, als alle Gäste einander ein frohes neues Jahr gewünscht und ein paar Knaller in die Luft geschossen hatten, ging ich auf mein Zimmer. Ich nahm einen Umweg und genoss einen kleinen Spaziergang. Es war still. Ich hörte nur das Meeresrauschen, Musik und fröhliche Stimmen von den feiernden Menschen und dachte, wie still und warm war es für das gewohnte Jahreswechselgefühl.

Und plötzlich stand, wie eine Manifestation der dunklen Materie, aus dem Nichts erhoben, der seltsame Mann vor mir. Ich schrie fast auf, nur konnte ich es nicht aus irgendeinem Grund. Ich stand nur wie angewurzelt da und schaute ihn an. Es war zu dunkel, um sein Gesicht deutlich zu erkennen. Aber ich wusste, dass er es war.

„Haben Sie keine Angst“, sagte er, „ich tue Ihnen nichts. Ich wollte nur, wahrscheinlich wie Sie, einen Spaziergang machen“, sagte er mit einer ruhigen, tiefen, leicht gedämpften Stimme.

„Guten Abend“, antwortete ich nur, „ich wünsche Ihnen einen schönen Spaziergang … ach! und ein frohes neues Jahr“, mein Herz schlug immer noch nicht im gewohnten Rhythmus, ich versuchte mich zu beherrschen.

„Danke, viel Glück auch Ihnen. Passen Sie auf sich auf, die Natur ist unberechenbar.“

„Ich gehe jetzt aufs Zimmer, da ist es sicher, aber Sie, passen Sie auf sich auf.“ Ich schwöre er lächelte, als ich es sagte. Ich konnte zwar in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen, aber ich weiss, dass er lächelte. Und mich schauderte vor diesem Lächeln.

Am ersten Tag des neuen Jahres überlegte ich mir, ob ich zum Frühstück gehen oder lieber im Zimmer bleiben sollte. Ich wollte nicht diesem Lorne Malvo begegnen. Ich hatte aber Hunger. Dann dachte ich, dass die Nacht ziemlich dunkel gewesen war und er mich vielleicht nicht erkennen würde. Aber wenn nicht mich, welche Frau könnte man sonst in der Nacht, besonders in dieser, alleine beim Spazieren treffen? Die wenigen anwesenden Frauen waren gepaart mit Surfern oder Tauchern. Ach, dachte ich, es ist unwichtig, ich gehe hin, und begrüsse ihn einfach, wenn ich ihn dort sehe und merke, dass er mich doch erkennt. Ich hatte ihn weder beim Frühstück noch beim Abendessen gesehen. Der Tag war wie alle anderen – sehr warm und sonnig, nur noch windiger als sonst. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und feilte an einem Kapitel. Draussen war kaum jemand zu sehen. Der Strand sah verlassen aus, Surfer schliefen nach der langen Feier und die Taucher waren eh nie zu sehen. Bis zum Abend war es leer in der Bucht, nur zwei Kitesurfer im Meer.

Zum jahreswechsel, wurden die Tage wieder länger. Ich genoss die Sonnenuntergänge, die so einzigartig und unterschiedlich waren, und späten abendlichen Spaziergänge bis in die Nacht, wenn es stiller und dunkler wurde, hörte Grillen und Rufen des Gekkos zu. Der Himmel war übersät mit Sternen, die man in der Stadt nie so klar sehen konnte.

Diese Nacht war anders. Der Mond war fast voll und der Wind wechselte von einem milden süd-östlichen zum böigen südlichen. Die Brandungswellen waren hoch und schlugen wuchtig gegen das Riff. Die Macht der Natur faszinierte mich so sehr, dass ich mich nicht lange im Zimmer aufhalten konnte. Neugier trieb mich hinaus. Vielleicht war es meine einzige Chance, dieses gewaltige Spektakel zu erleben. Ich zog eine leichte Jacke an, nahm meinen Laptop mit und ging zum Meer. Es war kurz nach halb vier. Am Strand war es fast windstill und warm, dafür aber zog sich das tosende Meer gute fünfzehn Meter zurück, so dass man das Korallenriff an einigen Stellen im Mondlicht über das Wasser, wie ein Knochengerüst herausragen sah. Die erste halbe Stunde sass ich an einer Klippe, ohne mich zu bewegen und schaute auf das Meer und blickte zu den Sternen. Einer davon schien hinunter zu fallen und ich sprach einen Wunsch aus. Dann klappte ich den Laptop auf und tippte diese Sätze. Der Wind wurde stärker und die Wellen wilder. Das Meer zog sich noch ein Stück weiter zurück. Diese Ebbe sah bedrohlich aus. Keine Seele war zu sehen. Was machten wohl die Fische in diesem wildschaukelnden Wasser? Zogen sie sich in die Tiefe zurück? Oder versteckten sie sich zwischen den Korallen?

Ich sass ganz alleine in der Dunkelheit, der Gewalt der Natur ausgeliefert, und dachte an die Warnung dieses Mannes, Natur sei unberechenbar und ich solle Acht geben, sagte er, oder so ähnlich. Plötzlich wurde es mir so unheimlich, dass ich von der Stelle so schnell wie möglich verschwinden wollte. Ich drückte Apfel+S, klappte den Rechner zu, stand auf und schaute mich um. Der fast volle Mond, riesig und tief, beleuchtete die Gegend mit einem orangenen Licht. Trotz seine Grösse schien mir die ganze Umgebung dunkler geworden zu sein, meine Augen waren auf das helle Licht des Monitors eingestellt, und wenn nicht dieses unheimliche Gefühl mich von allen Seiten in die Enge getrieben hätte, wäre ich ein paar Minuten ruhig sitzen geblieben und hätte meinen Augen Zeit gelassen sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Aber der einzige Wunsch, den ich hatte, war – eine Wand hinter meinem Rücken zu haben. Ich drehte mich nervös, fast panisch um, niemand war da, nur das warnende Licht eines Leuchtturms irgendwo auf einer anderen Klippe, der Mond und das schwache Licht am Eingang des Hotels weit hinter mir. Kein einziges Fenster war beleuchtet, alle tauchten oder surften in ihren Träumen. Ich beeilte mich zu diesem Licht zu gelangen, das für mich die letzte Hoffnung für heute Nacht bedeutete. Mit jedem Schritt hatte ich das Gefühl, von einem Geist verfolgt zu werden, der immer den gleichen Abstand zu mir bewahrte, egal wie schnell oder langsam ich ging. Wenn ich ein Kind wäre, hätte ich jetzt Mama gerufen, so laut ich konnte, einfach nur um mich sicherer zu fühlen, um das Unheimliche aus mir rauszulassen. Ich wollte mich umdrehen, oder rennen, aber ich tat beides nicht. Ich entfernte mich mit gemässigten Schritten weg von der Stelle. Und plötzlich blieb ich stehen wie gelähmt. Ich hörte das grollende gewaltige Rauschen hinter meinem Rücken und langsam drehte sich gegen meinen Willen mein ganzer Körper zu der Stelle, wo ich eben gesessen hatte. Sie war nicht weit entfernt, nur fünfzig Meter vielleicht.

Dort sah ich diesen seltsamen Lorne-Malvo-Mann. Ich konnte ihn an seiner Silhouette und Haltung erkennen. Er stand auf derselben Stelle an der Klippe wie ich eben, und eine riesige Welle schwoll über den Fels an. Ich war kurz atemlos, mein Schrei wurde übertönt vom Wind und Rauschen und schon ein paar Sekunden später, als die Welle aufschlug, rannte ich wieder zu der Stelle zurück, um nachzusehen, ob dem Mann nichts geschah. Ich legte den Laptop auf einer Bank irgendwo auf dem Weg ab und als ich an der Klippe war, bereitete sich das Meer für den nächsten Anschlag vor. Der Mann war nicht mehr zu sehen. Hatte ich seine Erscheinung mir eingebildet oder war er weggespült worden? Die Zeit nachzuschauen, ob er von der Welle erwischt worden und irgendwo unten gegen den Fels aufgeprallt war, hatte ich nicht, ich könnte von der nächsten Welle genau so erwischt werden. Aber wenn ich es jetzt nicht tun würde, könnte er von der weiteren Welle weggeschleppt und noch schlimmer verletzt werden. Trotz aller Vernunft sprang ich zu dem Rand und da war es! Ich sah die Welle sich über mich erheben und schaute, wie sie in Zeitlupe, mächtig und schwergewichtig über mich aufstieg, bis sie für einen Moment an ihrem Höhepunkt, gekrönt mit weisser Gischt, stehen blieb. Dann wurde ich nass und spürte Salz in meiner Nase und im Rachen, meine Schleimhäute brannten, ich bekam keine Luft. Eine Kraft, der ich nicht mal widerstehen wollte, zog mich mit. Ein Schlag gegen die wunderschönen Korallen, die zehn Jahre für die zehn Zentimeter brauchen, und weiter wusste ich nichts mehr.

 

Ich wachte in meinem Zimmer auf dem vertrauten Bett auf, mein Körper tat weh. Ich hatte keine schlimmen Verletzungen bekommen, nur einige Prellungen und Zerrungen. Das Gesicht war zerkratzt von Korallen und Seeigeln, dennoch fühlte ich mich gut verarztet. Es war mir bewusst, es hätte schlimmer kommen können – ich hätte mir das Genick brechen können, komplett von der Welle zerschmettert werden, oder schlimmer – Knochen brechen und es wäre schwierig hier in der Gegend einen guten Chirurgen zu finden. Den Horrortrip zum Festland in die nächste Stadt wollte ich mir gar nicht vorstellen.

Neben meinem Bett auf dem Beistelltisch stand eine Flasche frisches Wasser, Mangos, kleine Orangen, Bananen, Süssigkeiten und mein Laptop im Schlafmodus, dessen kleine Leuchte auf der Seite in regelmässigen Zeitabständen an- und ausging. Ich trank ein Glas Wasser, lag eine Weile im Bett und versuchte mich an Details zu erinnern. Ich wusste nicht, wie ich da herausgekommen oder wie ich gerettet worden war, und was war mit dem Mann geschehen. Ich war noch schläfrig und schwach, und wenn meine Lungen nicht vom Salzwasser gebrannt hätten, hätte ich gedacht, alles wäre erträumt. Ich versuchte sehr langsam zu atmen.

Irgendwann brachte mir Mai – die junge Frau vom Personal – eine Kokosmilchsuppe, ein gebratenes Fischfilet mit etwas Reis, Papayasalat und einen frischen Kokossnuss mit einem Strohalm.

Als ich wieder alleine war, klappte ich den Laptop auf. Das letzte Textdokument war noch immer offen. Unter den letzten Sätzen, die ich schrieb, als ich an der Klippe sass und über die Silvesterfeier berichtete, stand geschrieben:

„Ich wünsche Ihnen, dass dieser Anfang das Schlimmste war, was Sie in diesem Jahr erleben dürfen. Obwohl Sie mich nicht besonders zu mögen scheinen, haben Sie versucht mich zu retten. Dafür danke ich Ihnen, auch wenn ich die Rettung nicht nötig hatte. Ich bin wohlauf und bin sehr froh darüber, in der Nähe gewesen zu sein um Ihnen aus dem Wasser zu helfen. Was mich betrifft, finde ich ihre Beschreibung sehr amüsant, sie trifft aber nur bedingt zu – ich hege weder mörderische Pläne, noch übe schwarze Magie aus. Ich hoffe, ich habe Sie damit nicht zu sehr enttäuscht.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem Roman und werde gerne, wenn es soweit ist, ein Exemplar Ihres Buches erwerben.

Name ist Schall und Rauch*. Für Sie Ihr Freund Lorne Malvo.“

 

*Johann Wolfgang von Goethe, “Faust”

 

 

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MOHNTAG

Kurzgeschichte

 

Heute Morgen als ich bei dir aufwachte und du mir beim hinausgehen einen Kuss gegeben und den Schlüssel von deiner Wohnung anvertraut hattest, blieb ich eine Weile im Bett und schnupperte an der Bettwäsche, die noch nach dir roch. Ich wollte nicht dass du gehst und mein Inneres zog sich schmerzhaft zusammen als ich dir zusah, wie du lächelnd rückwärts zur Tür gingst, nur damit ich nicht deinen Rücken sehen müsste. Dein Bett, dein Zimmer, deine ganze Wohnung, die vorher lebte, alles wurde ohne dich plötzlich still und leer. Ich war alleine in der Wohnung und konnte das Echo meines Atems hören – so leer war sie. Wie sehr du mir fehltest! Ich wollte das Gefühl deiner Berührung an meinem Körper anhalten – es war noch sehr präsent – und so lange wie es nur möglich war, deinen Duft an meiner Haut riechen. Als du weggingst, haben wir uns verabredet, dass du in acht Stunden zurückkommst und wir dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Acht Stunden! Acht Stunden ohne dich, wie konnte ich es bloss aushalten? Ich konnte nicht wieder einschlafen und kam ungern aus dem Bett, duschte mich, machte einen Plan für ein schönes Abendessen und ging einkaufen.

Die Strasse und das Viertel, die ganze Stadt schien sich in der Nacht verändert zu haben. Es war nicht mehr dasselbe wie gestern. Ich war zwar das erste Mal in dieser Gegend, aber so geistesabwesend konnte ich nicht gewesen sein! Es hatte sich verändert! Und ich habe davon nichts mitbekommen! Ob du etwas davon wüsstest? Ich drehte mich um, um mir den Standort deines Hauses und den Namen der Strasse zu merken.

Ich marschierte durch die sürreale Welt und fand es am Schluss gar interessant – ich müsste nicht mehr verreisen um in eine andere Stadt zu kommen, die Stadt kam zu mir. Kein Wunder dass mein Geliebter in so einer Gegend wohnte – was passt besser zu einem besonderen Menschen als eine besondere Umgebung? Ich konnte es kaum abwarten dich wieder zu sehen.

 

“Welcher Tag ist heute?”, fragte mich ein älterer Mann auf der Strasse.

“Montag”, sagte ich.

“Meine Güte! Passen Sie auf Sich auf, meine Liebe, dieser Montag ist besonders! Alle Jahre wieder kommt der Tag, den man besser ‘Mohntag’ nennen sollte!”, warnte er mich.

“Was hat das zu bedeuten?”, fragte ich.

“Das bedeutet, dass die Schwingungen sehr stark sind – Sie können verloren gehen.”

“Welche Schwingungen?”, fragte ich und dachte an die veränderte Strasse und das Viertel.

“Ja, ja, genau die! Es ist ein Streich im Gange. Ich muss jetzt los. Beeilen Sie sich! Und passen Sie auf Sich auf!”, sagte er und eilte weg.

Ich schaute ihm hinterher und kaum hatte er fünf Schritte gemacht, löste er sich in der Luft auf. Ich lief schnell zu dieser Stelle und schaute mich um – er war futsch.

“Haben sie hier gerade einen Mann gesehen?”, fragte ich eine ältere Dame mit einem kleinen weissen Hund, die mich neugierig beobachtete.

“Einen Mann? Wie sah er denn aus?”, fragte sie.

Das war vielleicht die Frage! Ich konnte mich beim besten Willen weder an sein Gesicht, noch an seine Kleidung erinnern. Alles was mir in Erinnerung blieb, war seine markannte Stimme, aber sie konnte ich nicht wiedergeben. Selbst wenn, dann könnte mir die Dame nichts sagen, wenn er mit ihr nicht gesprochen hatte. Ich schaute sie nur verloren an und zuckte mit den Schultern.

“Wenn Sie nicht wissen wie er aussah, dann kann ich Ihnen nicht weiter helfen”, sagte sie und widmete sich ihrem putzigen Hund.

“Entschuldigen Sie …”, sagte ich, “aber …”

“Was?”

“Finden Sie nicht, dass diese Gegend heute anders aussieht als gestern?”

Sie musterte mich eine Weile schweigend und wackelte allwissend mit dem Kopf.

“Wann waren Sie letztes Mal beim Arzt, Fräulein?”, sagte sie sarkastisch – mein Arztbesuch interessierte sie in Wirklichkeit nicht die Bohne. Ihr Hund kläffte.

“Entschuldigen Sie”, sagte ich und ging weiter. Für die Menschen drumherum schien der Tag normal zu sein – keiner starrte die Häuser oder die Umgebung an, die meisten liefen mit gelangweilten Alltagsgesichter herum und fanden sich anscheinend gut zurecht.

Mohntag … was hatte das zu bedeuten? Noch höchstens sieben Stunden und dann sehe ich dich wieder, dachte ich. Aber solange du mich auf diese seltsame Dinge nicht selbst ansprichst, werde ich darüber nicht reden können. Vielleicht würdest du mich auch für verrückt halten. Ich ging in den Supermarkt und kaufte ein paar Lebensmittel und Getränke für heute Abend ein. Meine Hände fühlten sich komisch an. Sie waren angespannt und irgendwie trocken. Ich rieb sie aneinander. Es war ein seltsames Gefühl – ich konnte jedes Gelenk durch die Haut spüren. Meine Haut war nicht mehr so glatt. Ich zahlte schnell an der Kasse und beeilte mich zurück zu dir nach Hause zu kommen.

Die Strasse, die ich mir notiert hatte, existierte in dieser Gegend nicht, und keiner, den ich fragte wusste ob es solche überhaupt in dieser Stadt gibt. Weder der Postbote noch Taxifahrer wussten es. Es könnte irgendein Irrtum gewesen sein, ich habe den Namen der Strasse sicher falsch gelesen oder mir gemerkt. Aber ich erkannte auch die Gegend nicht. All das machte mir weniger Angst als der Gedanke, dass ich möglicherweise dich nicht mehr finden würde.

Konzentriere dich! – befahl ich mir. Lass den Kopf nicht hängen, streng dich an!

Der Streich ist im Gange, hatte der Unbekannte gesagt. Wenn er genau das gemeint hatte, dann ist der Streich äusserst gelungen. Aber was sollte ich nun tun? Ich schlenderte durch die Gegend mit der Einkaufstasche, die mit jedem Schritt schwerer zu werden schien. Die Sonne ging schon unter. Nach stundenlangen Herumirren sah ich fünf Meter vor mir einen alten Mann und vermutete, dass es derjenige Mann war, der mich gewarnt hatte. Nur er könnte mir helfen. Ich rannte ihm nach, aber der Abstand zwischen uns verkürzte sich nicht. Ich schwitzte vor Anstrengung und er ging entspannt und gelassen weiter.

“Hey Sie da!”, rief ich.

Er drehte sich um. “Ich?”

Ich war mir nicht sicher, ob es derselbe Mann war, nur das Gefühl sagte mir, ich solle nicht zögern.

“Ja, Sie! Wo muss ich hin?”, fragte ich ihn.

“Das weiss ich doch nicht.”

“Doch, das wissen Sie! Heute ist Mohntag! Wo muss ich hin?”

“Meine Güte! Mohntag! Dann gehen Sie doch schlafen!”, rief er und fuchtelte mit den Händen in alle Richtungen. Dann drehte er sich schnell um und verschwand flink in einer dunklen Gasse. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Als ich von dieser kleinen Gasse wieder auf die Haupstrasse kam, sah ich dein Haus. Das Licht brannte in deinen Fenstern. Ich rannte hin und steckte mit den zitternden Händen den Schlussel in das Schloss. Das Haus war dasselbe und der Schlussel passte, erleichtert betratt ich das Treppenhaus. Man hat wahrscheinlich die Wände frisch gestrichen als ich weg war, dachte ich, während ich die Treppen hochstieg. Als ich hinausging, sind sie weiss gewesen, und jetzt waren sie rosa. Aber das Wichtigste war doch, dass ich nicht verloren gegangen war und den Weg zurück fand, dachte ich. Ich öffnete die Tür und sah dein erstauntes Gesicht. Du schautest mich an wie ein Museumsexponat und schwiegst. Deine Wohnung war taghell. Die Sonne schien durch die Fenster.

“Was ist los?”, fragte ich.

“Ich weiss es nicht”, sagtest du fassungslos, und ich sah, dass du es auch so meinst. Mit den Fingerspitzen fasstest du vorsichtig mein Gesicht an.

“Seit wann bist du zurück?”, wollte ich wissen.

“Ich bin heute nicht raus gegangen.”

Jetzt staunte ich. Im Spiegel hinter deinem Rücken sah ich, dass ich um mindestens fünfzehn Jahre älter geworden war.

“Wie lange war ich weg?”

“Nur eine Minute.”

 

 

 

QUE SERA

QUE SERA ist eine magisch-realistische Kurzgeschichte, die ein ruhiges Tempo hat, in eine verzaubernde Stimmung versetzt und das Licht auf die Geheimnisse des Lebens wirft… doch weniger mysteriös wird es nicht.
Ich wünsche euch viel Vergnügen beim lesen
*
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QUE SERA

In ihrer Manteltasche klimperten die letzten Münzen und der kleine Schlüssel, im Kopf rotierten Worte des alten Songs:

que sera, sera,

whatever will be, will be…

Die Strassen waren leer zu der nächtlichen kalten Stunde und nur manchmal sah sie jemanden, der genauso wie sie, alleine, mit eingezogenem Kopf irgendwohin ging.

Bevor die Sonne aufgeht werde ich sterben, – dachte sie, oder eher wusste sie. Ohne, dass sie etwas dafür tun würde. Sie wusste es genauso gut wie jeder von uns weiss, dass morgen die Sonne aufgeht. Für sie war es der letzte Sonnenaufgang, den sie heute früh sehr bewusst erlebte. Vor sechs Uhr morgens stand sie auf, beobachtete die aufgehende Sonne und beschäftigte sich für den Rest des Tages damit, ihre Güter zu verschenken – ihre Kleider, ihre Bilder, ihre Möbel, ihr Haus, ihr Auto, ihr Schmuck, ihr Geld. Bald würde sie sich von ihrem letzten verabschieden – von ihrem Leben.

Ich möchte nicht alleine sein, wenn das geschieht – es war der einzige Wunsch, den sie noch übrig hatte.

Jemand begrüsste sie auf der Strasse. Er hatte eine angenehme ruhige Stimme. Sie schaute ihn an. Der Fremde war gross, gutaussehend, und hatte ein schönes Lächeln. Sein Lächeln tat ihr weh, es erinnerte sie an ihren verstorbenen Mann, den sie vor einem Jahr verloren hatte. Das Lächeln, in das sie sich verliebt hatte und das sie am schwersten loslassen konnte. Das Lächeln, das die Welt mit seinem Tod verloren hatte. Er war 27. Sie jetzt auch.

– Ich mag deine Bilder, – sagte der Mann.

– Welche davon? – wollte sie wissen.

– Am liebsten mag ich “Die Liebenden”.

– “Die Liebenden”… – wiederholte sie leise.

Es gab wenige Menschen, die dieses Bild gesehen hatten. Sie hatte es für sich und ihren Mann gemalt. Es war der Ausdruck ihrer Liebe. Das Bild hatte sie niemandem geschenkt. Sie liess es in ihrem Atelier hängen. Im leeren weissen Raum. Nur ein einziges Bild.

– Woher kennst du dieses Bild? – fragte sie ihn.

– Ich kenne einiges, – sagte er. Und fügte hinzu, – Du hast ein grosses Herz und besitzt eine seltene Schönheit, derer sich nicht jeder sofort bewusst wird, nicht mal du selbst. Die Frauen beneiden dich. Die Männer werfen dir heimliche Blicke zu. Sie trauen sich nicht dir anzunähern, weil dich zu verlieren einen grossen Schmerz bedeutet. Dein Mann wusste es.

– Kanntest du meinen Mann? – fragte sie.

– Nein.

– Bist du ein Wahrsager?

– Jeder Mensch der tief wahrnehmen kann, ist irgendwo ein Wahrsager, – sagte er.

Es wurde plötzlich kälter. Sie fing an leicht zu zittern. Das Gesicht des Unbekannten veränderte sich ein wenig. Eine kaum wahrnehmbare Veränderung – und sie entging ihr nicht. Nie vorher konnte sie so wahrnehmen. Er legte ihr behutsam einen Schal um die Schultern.

– Möchtest du einen warmen Tee? – fragte er.

–Ja, – nickte sie.

Er bot ihr seinen Arm und sie bogen in eine kleine, stille Gasse ein, die sie, obwohl sie dort sehr lange wohnte und die Gegend sehr gut kannte, nie bemerkt hatte. Es schien dort wärmer zu sein. Die nahstehenden Häuser reflektierten die Wärme. Es war nicht nur die äussere Wärme, sondern die wohlige Wärme, die man spürt, wenn man einschläft. Etwas sehr beruhigendes lag in der Luft.

Vielleicht bin ich schon tot, – dachte sie.

– Noch nicht, – sagte er und es kam ihr vor, als ob er ihre Gedanken hören würde, – …nicht mehr lange, und wir sind da.

Sein Haus stand am Ende der Strasse. Etwas Magisches hing in der Luft und je näher sie seinem Haus kamen, desto mystischer schien die Umgebung zu sein. Ein seltener Baum stand in seinem Garten vor dem Eingang. Obwohl es Spätherbst war, hatte er junge Blätter und diese waren blau.

– Ich habe nie so einen gesehen, – wunderte sie sich.

– Das gibt es auch nur einmal in dieser Stadt.

Es kam ihr seltsam vor. Ein Baum mit den blauen Blättern, der nicht in Obhut des botanischen Gartens übernommen wurde.

– Den darf man nicht umpflanzen, – erklärte der Unbekannte. – Er sät seine Samen wo es ihm passt und wenn man ihn umpflanzt, stirbt er. Es gab drei in dieser Gegend. Vor langen Zeit. Das ist der letzte. Ich mache dir einen Tee aus seinen Blättern. Er suchte sorgfältig drei Blätter aus und nahm sie mit ins Haus.

Sie hatte nichts dagegen, sie wusste, da sie sterben wird, hatte sie nichts zu verlieren.

– Er ist nicht giftig, – sagte der Mann, – er zeigt dir nur eine andere Welt.

– Ob sie mir gefallen würde?

– Sie wird, – versicherte er.

– Kannst du von jedem Menschen Gedanken hören?

– Das kannst du auch.

– Das weiss ich nicht, – sagte sie und lächelte.

Er bot ihr einen Platz in seinem Wohnzimmer an. Sie blieb stehen und sah sich um. Es war ein geschmackvoll eingerichteter Raum. Die Farben, die Möbel und die Bilder passten sehr gut zusammen, und es sah nicht danach aus, als hätte er die Gemälde nur zur Dekoration ausgesucht. Jedes davon hatte ein Geheimnis, jedes war wichtig.

Er legte die Blätter ungewaschen in ein Glas und stellte den Wasserkessel auf den Herd. Sie schaute ihm zu.

– Man darf sie nicht waschen, siehst du diese feine silberne Schicht darauf und diese kleinen Tropfen an den Spitzen? Sie gehen sonst verloren. Nicht auf jedem Blatt gibt es diese Schicht und die Tropfen.

– Deshalb hast du solange danach gesucht?

– Ja.

– Du hast sehr beeindruckende Bilder in deinem Haus.

– Danke. Jedes davon hat eine nicht weniger beeindruckende Geschichte…

Das Wasser kochte. Er goss es über die Blätter und ein feiner köstlicher Duft, solchen sie nie vorher gerochen hatte verbreitete sich im Raum. Eine Pflanze mit einem solchem Duft konnte keineswegs giftig sein. Sie schloss die Augen und genoss ihn. Der Duft entspannte alle ihre Sinne und Zellen und füllte sie mit Ruhe und Frieden. Ein Friedensbaum, nannte sie ihn für sich.

– “Tancorix”, nennt man diesen Baum. Ein Friedenskönig, – sagte er.

Sie öffnete ihre Augen und er bot ihr das Glas an.

Sie nahm es mit beiden Händen und merkte, dass das Glas nicht zu heiss war. Sie hatte aber gesehen, dass er das kochende Wasser hineingoss. Die Temperatur aber war genau so, wie sie es mochte – nicht zu heiss und nicht zu lau. Sie schaute den Mann überrascht an. Sein Gesicht veränderte sich wieder ein bisschen.

– Es wird auch so bleiben, egal wie lange du es stehen lässt. Wenn es mein Getränk wäre, wäre es viel kühler als deines.

– Kann es…?

– …die Temperatur für jeden persönlich einstellen? Ja.

Sie roch daran. So aromatisch.

– Trau dich.

Sie nahm sehr vorsichtig einen kleinen Schluck von dem Getränk, das langsam und ständig die Farben wechselte. Das waren die klarsten Farben, die sie je gesehen hatte. Der feinste Geschmack verbreitete sich an ihrem Gaumen und in ihrem ganzen Körper. Sie schaute den Mann wieder an. Und wieder bemerkte sie eine kleine Veränderung, dieses Mal nicht nur in seinem Gesicht, sondern sein ganzer Körper schien sich leicht, kaum merkbar zu verändern. Sie fand ihn schön.

Was bedeutet das? – dachte sie.

Es bedeutet, dass du die Realität sehen kannst. Die Natur aller Dinge ist die Veränderung, – antwortete er in Gedanken, und sie realisierte, dass sie seine Gedanken hören konnte.

Sie nahm noch einen vorsichtigen Schluck zu sich.

Ihr Körper wurde zu einem leeren Gefäss, in dem tausende Prozesse stattfanden. Alles bewegte sich, alles floss, alles rauschte. Ihr Herz transportierte mit jedem Schlag das Blut durch ihre Adern. Ihre Lungen öffneten sich und zogen sich wieder zusammen. Sie schaute ihren Gegenüber an. Und wieder veränderte er sich. Es war die Alterung, sie verstand es. Und gleichzeitig wurde er schöner. Vor ihr stand ein schöner Mensch. Ob sie jetzt jeden so sehen würde?

– Du siehst die Dinge, wie sie gerade sind, – sagte er ohne jeglichen Hintergedanken.

Ob die Dinge, die wir anfassen oder kreieren etwas von unseren Gefühlen oder unseren Gedanken aufnehmen? – fragte sie sich.

Schau dich um, – antwortete er in Gedanken.

Sie ging wieder in den Raum mit den Bildern. Mit jedem Schritt notierte sie kaum wahrnehmbare Veränderung der Dinge. Alles lebte, alles flimmerte, alles veränderte sich fliessend, alles, ausser der Temperatur ihres Getränks.

Seltsam, – dachte sie, – die Temperatur bleibt, als ob die Zeit auf dieses Getränk keine Wirkung hätte. Sie bekam keine Antwort darauf.

Sie betrachtete die Bilder. Die Farben und Motive schien lebendig zu sein. Noch nie hat sie ein Kunstwerk so gesehen wie jetzt. Einen Moment verschlug es ihr den Atem.

– Sie leben! – sagte sie und nahm ihre eigene Stimme wie ein Wunder an. Kein Instrument der Welt und keine andere Stimme klang so – sie war absolut einzigartig. Und es wird nie wieder dieselbe geben.

Der Mann legte ganz sanft seinen Zeigefinger auf ihre Lippen.

Wir werden noch reden, ­– dachte er. – Du wolltest zuerst sehen.

Sie trank wieder einen kleinen Schluck und schaute wieder die Bilder an. Neun Gemälde. Jedes Bild repräsentierte ein Gefühl – Angst, Wut, Begierde, Trauer, Stolz, Freude, Hass, Hoffnung, Scham. Sie schaute alle genau an, erlebte die ganze Palette der Gefühle mit und erkannte – ein Bild fehlte. Sie schaute den Fremden wieder an. Sie wusste warum sie ihm begegnet war. Sie hatte vorher nie eine solche Sammlung gesehen. War es ihre Wahrnehmung, oder waren die Bilder tatsächlich etwas Besonderes? War es nur eine Sammlung, oder hatte dieser Mann damit etwas vor?

Sie bekam keine Antwort von ihm. Er schaute sie nur an, als ob er von ihrem Misstrauen enttäuscht sei. Sogar so sah er noch schöner aus.

Die Sonne würde bald aufgehen.

– “Die Liebenden”? – fragte sie.

– Ja, – antwortete er. – Die Liebe ist der Anfang aller Dinge. Wenn du etwas für das Bild zu haben wünschst, bekommst du es, ­– sagte er und seine Stimme klang genau so einzigartig und wunderbar wie ihre.

– Kein Wunsch der Welt wird meinen Mann wieder lebendig machen, – sagte sie.

Er schaute sie verständnissvoll an.

– Es gilt nur für die Lebenden. Mit dem nächsten Schluck kannst du deinen Tod abwenden.

Sehr vorsichtig, mit beiden Händen, stellte sie das köstliche Elixir, nach dem sie sich schon sehnte, auf den Glastisch ab.

– Ich danke dir. Sie kam näher zu ihm und gab ihm einen Kuss, der so süss war wie sie es nur mit ihrem Mann hatte erleben können, nur ohne die Wirkung des magischen Getränks. Sie holte den Schlüssel ihres Ateliers aus ihrer Manteltasche und gab ihn dem geheimnisvollen Unbekannten. Eine Träne lief seine Wange hinunter als er ihn, wie den kostbarsten Schatz, entgegen nahm. Eine klare schöne Träne.

– Leb wohl, – sagte sie und schloss ihre Augen.

Er legte sanft seine Hände um ihren Hals.

© 2013

 

 

DIE ALTE

 

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(Kurzgeschichte)

 

 

Als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, hinterliess sie bei mir einen seltsamen Eindruck. Sie schien irgendwie ungeschickt gealtert gewesen zu sein. Wie ein altes Mädchen – klein und keck. Ihr Gesicht war durchquert von kleinen Fältchen, die nicht auf einen klaren Charakter hinwiesen, sondern irgendwie konzeptlos kreuz und quer auf ihrem Gesicht verteilt waren. Ihre Augen hatten nicht nur die typischen Krähenfüsse, sondern trugen Anzeichen von allen möglichen Emotionen, die es nur gibt. Sie sah wie ein neugieriges altes Äffchen aus. Zuerst war es für mich irritierend, mich mit ihr zu unterhalten und ihr bewegliches Gesicht dabei zu beobachten, danach konnte ich es nicht mehr loslassen. Ich wartete auf meine Schicht wie auf Weihnachten, nur um diese 78-jährige Dame wiederzusehen. Ich kannte sie erst seit einem Monat und sie gewann eine solche Macht über mich, der ich nicht widerstehen konnte. Ich tat alles worum sie mich bat und folgte ihren komischen Befehlen und Capricen, als ob es ein Spiel wäre. Ich tat es gerne.

Am ersten Tag, als sie in unser Altenheim gebracht wurde, war sie unzufrieden, sauer und launisch, aber auch neugierig. Sie liess sarkastische Kommentare ab, duzte alle und liess sich nicht anfassen.

“Wer mich nicht umarmen will, soll mich auch nicht anfassen”, knurrte sie.

Tatsächlich kitzelte sie aus allen Pflegern die Umarmungen heraus und zwar richtige, mit Herz. Diejenigen, die sie nicht mochte, liess sie gar nicht an sich ran. Bald hing ein “FREE HUGS” Schild über ihrem Bett – einer von unseren Kollegen erlaubte sich einen Scherz und sie fand ihn witzig.
“Lange werde ich hier nicht bleiben”, sagte sie zu mir. “Ich muss nur aus diesem verdammten Rollstuhl wieder aufstehen können. Und das schaffe ich! Meine Kinder haben mich wie eine schwer erziehbare Teenagerin behandelt, weil sie einfach nur Spiesser geworden sind!”

Als sie nach einem Unfall im Rollstuhl landete, versuchte sie selbstständig mehrmals aufzustehen und zu gehen, und fiel zu Boden. Sie fügte sich Verletzungen zu, wollte aber trotzdem nicht aufgeben. Um auf sie aufzupassen, hätten ihre Kinder rund um die Uhr bei ihr bleiben sollen, und das könnte sich keiner erlauben, auch wenn sie sie gerne bei sich hatten, so brachten sie sie zu uns.

 

Ein Mal in der Woche kamen ihre Kinder, und zwei Mal – ihre Enkelkinder zu Besuch. Ein 12-jähriges Mädchen und ihr Bruder, er war 16. Jedes Mal wenn sie da waren, beschwerten sich die andere Bewohner über das laute Lachen, das aus ihrem Zimmer zu hören war. Manchmal rannten die Kleinen mit ihr im Rollstuhl durch die Flure und sie rief laut, “Schneller! Schneller!”, bis sie von einem der Pfleger abgemahnt worden waren. Als Antwort auf diese Abmahnungen streckte die Dame die Zunge raus und ärgerte die Pfleger mit ihren spitzen Kommentaren.

“Ich pfeife auf diese, wie auch auf alle andere Verbote”, sagte sie cool, als ich ihr zu erklären versuchte, dass es möglicherweise für sie schwieriger werden könnte ,ihre Enkel zu sehen.

“Ich lasse mich nicht erpressen. Hilf mir lieber aufzustehen.”

Sie wurde tatsächlich ruhiger, aber auch etwas mürrischer. Beleidigt, versuchte sie mich bloss zu stellen.

„Findest du nicht, dass mein Enkel wie eine Bürste aussieht?“, fragte sie mich provokativ, als ich während ihres Enkelkinderbesuches in ihr Zimmer den Tee brachte.

Ich musste das Lachen unterdrücken. Der Junge hatte eine dieser trendigen Frisuren, bei denen die Schläfen glatt rasiert worden waren und die längere Haare oben hoch standen, wie eine Bürste eben.

„Oma!“, protestierte der Junge, „Du verstehst es nicht – es ist in!“

„Na und? Wenn euer Trend euch verschreibt wie eine Bürste auszusehen, darf ich doch meine Meinung dazu sagen“, antwortete sie.

***

„Weisst du“, sagte sie zu mir eines Teges, „wenn man jung ist, sagt man ‚Alter’ zu einander. Und je älter du wirst, desto öfter wirst du als ‚junge Frau’ angesprochen werden. Absurd, nicht wahr? Ich finde das beinahe höhnisch. Hinter deinem Rücken hörst du aber immer öfter, ‚haste die Alte da gesehen?’ und so weiter. Daher möchte ich dich bitten mich ab jetzt nur ‚die Alte’ zu nennen.“

Ich arbeitete schon seit einigen Jahren im Altenheim, aber so eine Bitte habe ich nie gehört. Ich wusste zuerst nicht, wie ich es mit meinem Gewissen vereinbaren sollte. Es schien mir ihr gegenüber respektlos zu sein. Klar, wenn meine Kollegen und ich uns in den Pausen traffen und über unseren Bewohner redeten, nannten wir sie allgemein ‚die Alten’. Sie aber ins Gesicht so anzusprechen war eine andere Sache.

Nun, wie zu erwarten, reagierte sie gar nicht wenn ich, oder sonst jemand sie per Namen ansprach. Sie ignorierte uns.

„Per du und Alte“, insistierte sie.

Uns blieb nichts anderes übrig, als ihr zu gehorchen. Und damit nahm sie uns das Recht, die anderen Senioren ‚Alte’ zu nennen. Sie wurden zum Herrn Soundso, Frau Soundso … Wenn wir ‚Alte’ sagten, ging es ausschliesslich um sie. Auf diese rafinierte Art ‚patentierte’ sie so zu sagen, diesen Namen.

Sie war stur wie ich sonst noch keinen kannte.

„Es ist nicht mein Schicksal im Rollstuhl zu sterben“, sagte sie. „Das weiss ich!“

In ihrem Alter war es nicht ungewöhnlich im Rollstuhl zu sitzen und sich bis zum Ende des Lebens nicht mehr bewegen zu können. Aber sie war so ehrgeizig, dass ihre Überzeugung auf mich abfärbte und ich fing an mit ihr zusammen daran zu glauben. Jeden Tag half ich ihr die Beine zu bewegen um vom Rollstuhl aufstehen zu können. Ich massierte ihre Beine, ohne dass sie mich darum gebeten hatte, und später lud eine professionelle Masseurin ein.

Nach zwei Wochen beharrlicher Arbeit, kehrte das Gefühl in ihren Beinen allmählich zurück, sie konnte sie tatsächlich bewegen. Erst nur einwenig, aber dann immer mehr. Bald schaffte sie schon die Zehen wie einen Fächer zu spreizen. Es machte ihr Spass. In der Zeit langes Sitzens hatte ihre Beinmuskulatur stark abgebaut, sie konnte zwar wieder ihre Beine bewegen, war aber zu schwach um selbst aufzustehen zu können. Sie bat mich sie in den Fitnessraum zu begleiten, wo sie unter meiner oder jemanden anderer Aufsicht zu trainieren anfing. Sie spielte Wii und stellte das ganze Heim auf den Kopf. Sie feierte. In den nächsten zwei Wochen blühte sie so auf als ob sie zehn Jahre jünger wurde.

Eines Tages rief sie mich zu sich und sagte, ich solle ihr bei der Ausführung eines Plans helfen. Ich wusste nicht was auf mich zukommen würde und hatte Angst, das dieser Plan möglicherweise mir meinen Job kosten könnte. Ich hatte schon einige Abmahnungen wegen der Alten hinter mir. Ihre ‚Pläne’ waren fast alle gewagt…

… Fortsetzung auf neobooks

18.11.2014

 

DAS STATEMENT

 

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(Kurzgeschichte)

 

Die Polizei hat heute meine Wohnung durcheinander gebracht. Ich sass im Sessel am Fenster, beobachtete das Vorgehen und fragte deren Chef, was sie in der Wohnung einer 70-jährigen Dame finden wollen.

“Sie wissen es ganz genau!”, sagte unwirsch ein junger Polizist, den die Mutter Natur beim Charme verteilen übersehen hatte. Armer junger Mann, dachte ich, es wird kaum eine interessante Frau geben, die auf seine grobe, unachtsame Art stehen würde. Und ich meinte nicht mal sein Aussehen (äusserlich sah er gut aus), oder die Tatsache, dass er meine Wohnung durchwühlte und in meinen privaten Sachen herumschnüffelte, sondern generell seine respektlose, grobe Art: wie er die Sachen auf den Boden schmiss, auf die er später mit einem aufgesetzten “Ups” trat und wie er seine Kollegen behandelte. Seine Mitarbeiter waren viel taktvoller und entschuldigten sich, wenn sie es tun mussten. Er, im Gegensatz, wollte “es mir zeigen”.

“Und wo auch immer Sie sie versteckt haben, werden wir sie finden, auch wenn Sie sie fünfzig Meter unter der Erde vergraben haben! Wir finden sie, dann werden wir es Ihnen zeigen!”

“Dann fangen Sie doch mit den Ausgrabungen an, dann haben Sie es schnell hinter sich”, schlug ich vor.

“An Ihrer Stelle würde ich die Späßchen beiseite lassen!”, drohte er.

“Könnten Sie mir dann vielleicht doch netterweise verraten wonach genau Sie suchen?”

“Das wissen Sie! Stellen Sie sich nicht so dumm an!”, und er befahl seinen Kollegen, das Badezimmer zu durchsuchen.

“Möchten Sie vielleicht ein Glas Wein, es entspannt”, bot ich an, als die Kollegen sich im Badezimmer ans Werk machten.

Er bedachte mich nur mit einem unfreundlichen Blick und ich zuckte mit den Schultern.

“Na, dann eben nicht.”

Nachdem sie mit der Verwüstung fertig waren, verliessen sie drohend mein Haus. Ich wünschte ihnen auch einen schönen Abend, schloss die Tür hinter ihnen zu und schaute mich um. Heute Abend würde ich sicher nicht anfangen, das Chaos zu beseitigen. Ich liess es so. Sie kämen sowieso wieder und täten dasselbe. Ich holte ein Weinglas aus dem Küchenschrank, und eine Flasche Condrieu Les Chaillees de l’Enfer aus dem Kühlschrank, von dem der Polizist nicht hatte kosten wollen und schenkte mir ein. Ich legte die Schallplatte von meinem Freund auf, setzte mich auf die Couch, nahm einen Schluck köstlicher Wein und schloss die Augen. Das von ihm selbst komponierte Lied hatte ich hunderte Male gehört und es war nie zu viel. Es hieß “Where We Are Today, Where We’ll Be Tomorrow”.

Und ich dachte, er hat verdammt Recht! Wir können jede Chance nutzen und aus allem, was uns gegeben wurde, immer noch das Beste machen. Ich könnte mir jetzt aussuchen, wo ich sein möchte. Jetzt bin ich hier, aber es gibt auch viel schönere Orte, um den Rest des Lebens zu geniessen, als diese von der Polizei durchwühlte Wohnung in dieser verregneten Stadt. Die Sonne! Ich wünschte mir die Sonne!

Ich rief meinen Freund an, bedankte mich noch einmal für diese wunderbare Platte und fragte, was er davon halten würde, wenn wir gleich nach Tessin umziehen und uns ein gemütliches Haus in der Gegend von Lugano aussuchen würden. Er wäre dabei, sagte er fröhlich.

“Dann pack doch deine Sachen und hol mich ab.”

“In 30 Minuten bin ich bei dir.”

Ich liebe dich, dachte ich.

“Ich liebe dich auch”, sagte er als ob er meine Gedanken beantwortete.

Ich duschte mich schnell, zog frische bequeme Sachen für die Fahrt an, und kippte den Rest des Weins durch das Sieb in die Spüle. Um sicher zu gehen, dass keiner der Diamanten in der Flasche blieb, spühlte ich sie mit Wasser aus und wusch unter dem lauwarmen Wasserstrahl die Steine im Sieb ab. Ich schaute sie noch einmal im Licht der Küchenlampe an. Faszinierend, wieviel diese funkelnden kleinen Steinchen für manche Menschen bedeuten, wieviel Wert man darauf legt… Sie waren schön, besaßen für mich aber keinen Wert, es gab keinen Grund weshalb ich sie unbedingt besitzen wollte. Ich gebe zu, ich habe sie nicht ganz legal erworben, aber das Geld was ich in sie investiert hatte, war auf ehrlichem Weg in einem Casino gewonnen worden. Gut, ich habe geschummelt, aber das tut dort jeder, und der, der es am besten kann – gewinnt.

Die Diamanten brauche ich nur als Kapitalanlage, ich halte nicht viel vom Rentensystem, Versicherungen, Gesetzen und Geld – das bedruckte Papier, das seinen Wert in null komma nichts verlieren kann, deshalb regle ich es auf meine Art. Mit meinen siebzig fühle ich mich noch zu früh für die Rente, ich bin gesund und fit, möchte das Leben mit meinem Freund geniessen und habe Lust auf Abenteuer.

Ich wickelte die Steine in ein Seidentuch ein, packte sie zusammen mit ein paar Sachen in die Tasche, nahm die Schallplatte mit und ging zur Tür. Unser Timing passte wie immer perfekt zusammen. Er stand vor der Tür. Ich lächelte sein liebes Gesicht an, er gab mir einen Kuss und umarmte mich wie nur er konnte.

“Ab nach Tessin?”, fragte ich.

“Ab nach Tessin!”, antwortete er ohne Zweifel und einander umarmend verliessen wir das Haus.

 

 

 

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